G e s c h i c h t e n

Eine seltsame Liebe I


Hund Es ist ja nicht wahr, dass wenn ein Hund dir ans Bein pisst, er dir damit Unehre erweist. Vielmehr das: Er nimmt dich in Besitz. Du bist ein Hermes mit geflügeltem Hosenbein und trägst seine Nachricht in die Welt. Andere Hunde werden aufmerksam. Sie werden sich für dich interessieren, dich aufmerksam beschnuppern. Sie werden ihre Botschaft der vorherigen hinzufügen, Düfte und Nachrichten werden sich vermischen, mittels deines Hosenbeins in die U-Bahn, durch die Straßen, ins Bistro getragen, wo du überall freudig empfangen wirst von allem, was vier Beine hat.

Eine Auszeichnung. Aber das tröstet Karl Manske nicht. Vielmehr: Es ist ein Spießrutenlauf an haarigen Schnauzen, gehobenen Pfoten, gezückten Lefzen, die Waden umschraubenden Hundekörpern vorbei. Montag morgen verlässt er das Haus. Im Erdgeschoss umbeint Hündin Susi seine Hose, ehe Frauchen zur Ordnung ruft. Er verlässt das Haus, biegt nach rechts am Gartenzaun des Nachbarn vorbei. Er geht schnell und wirft unsichere Blicke, ehe der Rüde Asko ihn abfängt. Knapp vor der Bushaltestelle, immer knapp davor wird er gestellt. Und da hilft auch alles Wedeln mit der Aktentasche nichts. Der Rüde Asko, schnüffelnd, drängt ihn an den Zaun, schnuppert, schnauft, hebt den rechten Hinterlauf und - pisst ihm ans Bein. Es wiederholt sich am Dienstag, am Mittwoch, nicht am Donnerstag, am Freitag wieder.

Manske ist verzweifelt. Er hat mit dem Nachbarn geredet - erfolglos. Er hat den Nachbarn angezeigt - erfolglos. Er hat sich ein Fahrrad gekauft und wurde trotzdem von dem Hund gestoppt. Er hat sich nachts in den Garten des Nachbarn geschlichen und Giftköder ausgelegt - erfolglos. Manske weiß sich nicht zu helfen, er sinnt auf Rache.

Im Garten des Nachbarn steht ein Baum. Es ist ein alter Baum, in dessen Krone sommers die Vögel sitzen. Ein Baum mit vielen Zweigen, altgedienter Borke, vielen Stammlöchern. Manske wird es dem Baum besorgen. Denkt es, tut es. Schleicht sich wiederum nachts in den Garten, packt seinen Schwanz aus, wichst und ejakuliert gegen den Stamm.

Am nächsten Morgen bleibt er von dem Rüden unbehelligt. Der steht, das sieht Manske, am Baum und schnüffelt, hebt dann den rechten Hinterlauf. In der Nacht wiederholt Manske die Prozedur, wichst gegen den Baum. Es klappt, der Rüde bleibt ihm auch am folgenden Morgen fern. Der Stamm des Baumes färbt sich dunkel. Dort, wo Mann und Hund ihre Nachrichten füreinander hinterlassen.

der Gerd am 09.03.2002

DreiWegeGeier