G e s c h i c h t e n

Mammut


Mit dieser Geschichte habe ich mich an einem Teil einer Aufgabe versucht, die Lieselore Warmeling in der desp stellte:
Erzähle als dieser Gegenstand: Wie alt bist du? Wofür bist du da? Wie bist du entstanden? Wozu wurdest du gebraucht? Wie fühlst du dich in diesem verbotenen Raum? Willst du dort bleiben? Welche Pläne hast du? Welche Gedanken und Gefühle hast du, wenn du an den/die Besucher denkst,

 

"Wir werden heute etwas erschaffen!", sagt sie. "Wir erschaffen etwas aus nichts."
"Man kann nicht aus nichts etwas erschaffen."
"Oh doch, du wirst es sehen."
Und ich kann ihr ja nie etwas abschlagen, kann nicht nein sagen, als sie mich auch schon zum Stuhl hinschiebt. Eigentlich sollte sie längst zu alt sein für solche Kindereien. Aber da sitze ich schon am Tisch, und sie rennt rum, und ich muss auf ihr Kommando hin die Augen schließen, wie sie da am Wuseln ist. Ich hör es rascheln, die Jalousien ratschen nach unten, anschließend geht sie durchs Zimmer. Und dann ist sie da.
"Du darfst die Augen wieder aufmachen."
Ich blinzle, es ist dunkel. Da legt sie mir etwas in die Hand. Es ist ein Samttuch und darin eingeschlagen ein Objekt. Länglich, stelle ich fest.
"Und nun?"
"Du bist jetzt das, was du in der Hand hast. Du musst mir erzählen, was es ist. Du musst mir seine Geschichte erzählen. Nein, du darfst es nicht auswickeln." Im gleichen Atemzug nimmt sie es mir auch schon wieder aus den Händen. "Du bist ES. Du liegst jetzt auf dem Tisch. Es ist dunkel. Was bist du? Erzähl!"

Ich bin ganz schön blöd, denke ich, aber das nützt mir nun auch nichts mehr. Ich bin länglich. Ein Hundeknochen? Wir erschaffen einen Hundeknochen aus dem Nichts, was für eine Idiotie! Sie stupst mich an, als ich lache. "Nun mach schon!" Nun gut. Es ist dunkel im Zimmer. Ich stelle mir vor, ich wäre in dieses Samttuch eingewickelt. Es schmeichelt meiner Haut. Ich bin länglich.

Ich erinnere mich daran, was ich zuerst war. In warmes Fleisch gehüllt, an Bändern aufgehängt, und bewegt, immer bewegt, von Muskeln angetrieben. Ich war dort zuhause in einem mächtigen Bett aus Fleisch und Haut und Fell. Mein Dasein bedingungslos und glücklich. Ich war geborgen.
Ehe das Fleisch kalt wurde. Gott sandte eine Botschaft. Aus allen Fasern und Nerven bohrte ein flammender Schmerz. Agonie! Ich hatte nicht gewusst, dass ich lebe, ehe ich starb. Ich hatte Gott nie so zornig erfahren wie in jenen ewigen Momenten, als er mich mit wütendem Schmerz verbrannte. Dann stürzte ich durch die Zeit.

Jahre, Jahrzehnte oder Jahrhunderte, ich weiß es nicht. Irgendwer hat mich ausgegraben, irgendetwas kratzt an mir. Ich erwache zum Leben in der Hand eines Kindes. Ich bin eine Flöte, aus Mammutknochen geschnitzt. Mein Körper ist blank poliert, sogar die Löcher, acht gereiht auf der einen, ein weiteres auf der anderen Seite, haben sanfte Ränder. Ich bin bleich, fast weiß, und ich bin blind. Und es gibt eine neue Wärme, wieder Fleisch, wenn die Hand des Kindes mich umfasst. Und wenn die Lippen mich berühren, am oberen Ende in mich hineinblasen, dann dringt ein Luftstrom durch meinen hohlen Leib und wärmt meine Innenwand. Lippen und Finger kontrollieren mich, schicken Gezeiten aus Atem, Sturm und Staunen, durch mich hindurch. Und ich singe.

Ich baumele am Gürtel eines Kindes, eines Mannes. Im Takt seiner länger werdenden Schritte wippe ich an seinem Schenkel. Und draußen wie drinnen gibt es Luft. Jene draußen kühl, beißend kalt manchmal, dann werde auch ich durch und durch kalt. Die Luft in mir aber ist immer warm, durchschleust mich, strömt von seinen Lippen, aus seiner Lunge in mich hinein. Dann bin ich lebendig, dann singe ich und träume die Lieder, die er mir schenkt und entlockt. Bedingungslos hingegeben, ich bin glücklich.

Keine Agonie. Aber einen langen Schlaf teile ich mit ihm im Grab. Zeitlosigkeit ohne Erinnerung, ohne Zukunft, der Tod.
Bis man mich erneut ausgräbt, mich erneut poliert, mich in Samt bettet. Jene Luft draußen ist kühl, und kein heißer Atem schenkt mir ein Lied, ich liege in keiner warmen Hand. Dies ist der Moment, in dem eine Flöte das Wünschen erlernt, das Erinnern und die Sehnsucht. Hörst du sie? Die Musik der Äonen?

 

Mit wenigen Schritten ist sie am Lichtschalter.
"Sehr gut" flüstert sie, blinzelt ebenso wie ich, weil es plötzlich so hell ist. "Und nun werden wir sie uns anschauen."
Mit heiligem Ernst konzentriert sie sich auf die Mitte des Tisches, schlägt dann behutsam das Tuch auseinander, in dem ein Hundeknochen liegt.
"Oh, es ist misslungen!", sagt sie und fängt zu kichern an. Und kichert immer lauter und zupft an meinem Ärmel. "Bitte, nicht böse sein."

Ich lächle auch. Und ich verrate ihr nicht, dass ihr Experiment kein Scherz war. Für einen Moment hatte eine Flöte gelebt.

der Gerd am 02.04.2002

DreiWegeGeier