G e s c h i c h t e n

Eine seltsame Liebe III


 

Ein zerbrochenes Infrarotfernglas, eine entlaufene namenlose Freundin, ein zufriedener Hund und ein ebenso zufriedener Manske. Nicht zu vergessen ein geliebter, alter Baum, dem allnächtlich Manske, allmorgendlich der Hund einen Besuch abstatten.

Jedoch bekam bald die Presse Wind von der Angelegenheit. Wind und Sommerloch ergaben es, dass eines Morgens ein Artikel in der regionalen Tageszeitung über Manskes Liebesleben reportierte. ManskeDie Redaktion eines Fernsehsenders, immer auf der Suche nach spektakulären Schicksalen für die allabendliche Talkshow, griff die Sache auf und lud Manske zur Sendung ein. Der, inzwischen an Publikum gewöhnt und mit Geldsorgen, sagte zu. Weitere Sender und Sendetermine folgten. Natürlich mussten, um die Authentizität der Geschichte zu belegen, Filmaufnahmen gemacht werden. Nachts sehen wir nun den alten Baum im grellen Licht der Scheinwerfer stehen.

Da ist dieser alte Baum, der treu an seinem Platz verharrt und seinen Liebhaber erwartet. Immer bietet er diesem sein moosig weiches Stammloch dar. Und während der Nachtwind leise durch die Blätter des alten Baumes streicht, begeht Manske seine liebevolle Umarmung und fühlt sich gleichwohl geborgen. Manchmal erscheint es Manske, als spräche der Baum zu ihm. Als flüstere dessen Seele ihm Liebesworte zu, um stets von neuem seine Leidenschaft zu entfachen.

Doch was Manske zunächst dem fortschreitenden Jahr zuschrieb, stellte sich bald als ernst zu nehmendes Problem heraus. Unter dem wiederkehrenden Anprall der grellen Lichter verdunkelte sich die Borke des Baumes und wurde rissig. Das Moos, das wie ein samtiges Gewand Teile des Stammes umwob, wurde zuerst braun, verdörrte dann. Ähnlich, nur langsamer, vollzog es sich an dem Moos im Stammloch. Bald erschien der alte Baum Manske wie eine spröde Geliebte, deren Trockenheit die Empfängnis vereitelte. Der alte Baum litt, und Manske litt mit ihm. Der Verfall war nicht aufzuhalten.

Schließlich befiel ein Schädling den Baum. Unterdessen hatte Manske, als er gegen den Widerstand des knorrigen Stammes doch in ihn eingedrungen war, sich eine Verletzung zugezogen, die zu einer schlimmen Entzündung an seinem sensibelsten Körperteil führte. Unfähig, dem Baum weiterhin seine Liebe zu erweisen, musste Manske zusehen, wie dessen Holz zunehmend von Millionen gefräßiger Parasiten zersetzt wurde. Ein zusätzlicher Pilzbefall machte dem alten Baum bald den Garaus.

Um Manske war es still geworden und sowieso um den Baum, der nun nur noch als Ruine seiner selbst im nachbarlichen Garten stand. Wenn Manske nun den alten Baum besuchte, so zur Totenwache, während derer er sich mit Selbstvorwürfen quälte. Wie hatte er es nur so weit kommen lassen können? Was war er denn für einer, der das Liebste preisgab, hingab für läppisches Geld? Dieses Geld, das wie ein Judaslohn in seinen Taschen brannte. Und noch viel mehr brannte es auf seinem Gewissen. Manske weinte bitterlich.

Jedoch blieb Manske mit seiner Trauer nicht allein. Denn als er eines Morgens, er musste wohl eingeschlafen sein, im nachbarlichen Garten aufwachte, fühlte er einen feuchten Kuss am Ohr. Und als er daraufhin erschrocken auffuhr, saß vor ihm der Rüde Asko mit glänzenden braunen Augen, die mindestens so traurig blickten, wie Manske sich fühlte. Lange Zeit schauten Mann und Hund sich an. Und dann, als Manske sich endlich erhob, hierbei die steif gewordenen Beine knetete, sich schließlich im Kreuz streckte, ehe er richtig zum Stehen kam, war der Hund an seiner Seite. Und Seite an Seite verließen sie auch den Garten, verließen das Viertel und die Stadt. Niemand weiß, was aus ihnen geworden ist.

Der tot geglaubte alte Baum erwachte im nächsten Frühjahr mit jungem Grün in den Zweigen. Und immer noch war die Stelle seines Stammes, an der Hund und Mann ihre Marken gesetzt hatten, eine Nuance dunkler als der Rest.

der Gerd am 27.04.2002

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